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manfred herok©2000-10

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Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 17 S.    1784
 Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht

Die Natur ist zweckmäßig, jede Naturanlage hat ihren Zweck, den sie vollständig erfüllt.
Die Menschen handeln weder instinktmäßig noch wie vernünftige Weltbürger nach verabredetem Plan. Die Naturanlage der Vernunft ist nicht im Einzelnen, sondern in der Gattung zu finden und entfaltet sich langsam über Generationen.
Der Antagonismus ist das von der Natur eingesetzte Mittel, um die menschlichen Anlagen zu entwickeln. Der Widerstand zwischen Menschen lässt zunächst Übel entstehen, treibt aber die Weiterentwicklung an. So sind die Kriege furchtbar und bestimmen die Gegenwart, im Lauf der Weltgeschichte überhaupt lässt sich aber eine Zunahme an Aufklärung erkennen,
Die vollkommene Entfaltung des Menschen kann nur in der größten, durch unwiderstehliche Gewalt gewährten Freiheit, also in einer bürgerlichen Gesellschaft.
Die Errichtung einer solchen Staatsverfassung ist ein schweres, nicht vollständig lösbares Problem. Eine philosophische Weltgeschichte könnte diese Entfaltung hervorheben und so nicht nur die geschichtliche Betrachtung bereichern, sondern sogar die Herbeiführung des Ziels beschleunigen.

Die Menschen handeln weder instinktmäßig noch wie vernünftige Weltbürger mit verabredetem Plan. Seine Taten sind im Großen und Ganzen abscheulich.
Dem Philosophen bleibt also nur übrig, zu prüfen, ob es eine Naturabsicht gibt.
Diesen Leitfaden möchten wir nun ausmachen.
Eine Geschichte nach diesem Plan zu schreiben, überlassen wir anderen.

Die Natur ist zweckmäßig (sie als zweckloses Spiel ist undenkbar).
Jede Naturanlage hat einen Zweck, den sie erfüllen kann.
Dies bestätigt die innerliche und äußerliche Beobachtung aller Tieren.

Die natürlichen Anlagen der Vernunft sind nicht im einzelnen Menschen, sondern in der Gattung zu finden. Sie wirken nicht instinktmäßig, sondern bedürfen Versuche, Übung und Unterricht.
Viele Zeugungen sind nötig, bis die Naturanlagen zur vollständigen Entwicklung gebracht sind. Dieser künftige Zeitpunkt muss Ziel unserer Bestrebungen sein.

Die Natur hat den Menschen allein mit Vernunft ausgestattet, so dass er sich alles mühselig erarbeiten muss.
Jede Generation erreicht eine höhere Stufe, deren Genuß sie künftigen Generationen überlässt.
Alles scheint eher auf Selbstschätzung und Würde denn auf Wohlbefinden ausgelegt zu sein, und darauf, dass die Gattung, unsterblich, zur vollständigen Entwicklung gelange.

Der Antagonismus (ungesellige Geselligkeit) ist das von der Natur eingesetzte Mittel, um die menschlichen Anlagen zu entwickeln.
Die Talente des Menschen würden im Keime unenfaltet bleiben, gäbe es den Widerstand zwischen den Menschen nicht. Dieser lässt zwar Übel entstehen, treibt jedoch auch zur Entwicklung der Naturanlagen an.

Nur in einer Gesellschaft, in der die größte Freiheit durch unwiderstehliche Gewalt gewährleistet wird, kann der Antagonismus der Einzelnen frei wirken.
Alle Naturanlagen des Menschen lassen sich nur unter einer vollkommen gerechten bürgerlichen Verfassung entfalten.
Deshalb ist das größte Problem für die Menschengattung die Erreichung einer bürgerlichen Gesellschaft.

Dieses Problem ist das schwerste, seine vollkommene Auflösung unmöglich:
Um den allgemeinen Willen durchzusetzen, bräuchte man einen Herr, aber jeder Mensch würde seine Freiheit als Oberhaupt missbrauchen.
Das Problem wird aber auch am spätesten aufgelöst, weil man dazu die richtigen Begriffe, weitläufige Erfahrung und guten Willen benötigt.

Gegenwärtig sind wir zwar zivilisiert, aber nicht moralisch.
Eine bürgerliche Verfassung kann nur in einem Staatenverbund, der den zwischenstaatlichen Gleichgewicht gewährt, vollkommen werden.
Die Natur leitet uns dazu indirekt durch den Antagonismus, der durch Kriege die Staaten
(so bald sie das Gemeinwesen umstellen) zu einer vereinigten Gewalt treiben wird.

Das Problem der Errichtung einer bürgerlichen Verfassung geht mit gesetzmäßigen äußeren Staatenverhältnissen einher. So wie die Ungeselligkeit die Menschen zum Gemeinwesen leitet, führen auch die Kriege (ohne Absicht, mühselig und schmerzhaft) die Staaten zu einem Völkerbund — jenem Zustand, den der Abbé von St. Pierre und Rousseau sich schon vorgestellt haben.

Die Zweckmäßigkeit der Natur im Ganzen ist nicht offensichtlich.
So wie einst die Feindseligkeit die Menschen aus dem Zustand der Wilden zu einem bürgerlichen Staat trieb, so hemmen die gegenwärtigen Kriege die Entwicklung menschlicher Anlagen,
gerade sie aber werden, sobald man das Gemeinwesen umstellt, zu einem sicheren, weltbürgerlichen Staatenverbund führen.

Der bekannte Zeitraum ist noch zu kurz und uns fehlt noch Erfahrung, doch es zeichnet sich in der Weltgeschichte schon eine Richtung ab, nämlich zum weltbürgerlichen Zustand. Gegenwärtig führt das Verhältnis zwischen den Staaten zur Aufklärung, da kein Staat in der inneren Kultur nachlassen oder die bürgerliche Freiheit abschaffen kann.

Dieser Plan der Natur könnte als Leitfaden für eine philosophische Geschichtsschreibung dienen, die nicht als politische Vorhersage oder kausale Erklärung und nicht als einzige Art, Geschichte zu betreiben, sondern als Bereicherung zu verstehen ist.
Außerdem beschleunigte eine solche Geschichte das Erreichen des Endzustandes und ernteten die Verfasser und ihre Zeit Weltruhm.

kant103

Immanuel Kant

ZITATE:

“Die Bedingungen der Möglichkeit...   >>>

“Die transzendentale Einheit...   >>>

>Kant-Video >

Zeitschrift: Berlinische Monatsschrift. 17 S.    1784
 Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht        >>> Quelltext

notizen bibel

Die Wahrheit der Aufklärung”

 

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