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manfred herok©2000-10

Es kann der Fall sein, daß die Religion durch die philosophische Erkenntnis im Gemüte erweckt wird;
aber es ist nicht nothwendig und es ist nicht die Absicht der Philosophie
zu erbauen, sowenig sie sich dadurch zu bewähren hat, daß sie in diesem oder jenem Subjekte die Religion hervorbringen müsse.
Denn die Philosophie hat wohl die
Nothwendigkeit der Religion an und für sich zu entwickeln und zu begreifen,
daß der Geist von den anderen Weisen seines Wollens, Vorstellens und Fühlens zu dieser absoluten Weise fortgehen muß; aber so vollbringt sie das allgemeine Schicksal des Geistes,
- ein anderes ist es, das individuelle Subjekt zu dieser Höhe zu erheben.
Die Willkür, Verkehrtheit, Schlaffheit der Individuen kann in die Nothwendigkeit der allgemeinen geistigen Natur eingreifen, von ihr abweichen und versuchen, sich einen eigentümlichen Standpunkt zu geben und sich auf demselben festzuhalten.
Diese Möglichkeit, sich in Trägheit auf dem Standpunkt der Unwahrheit gehenzulassen oder mit Wissen und Wollen auf demselben zu verweilen, liegt in der Freiheit des Subjekts,
während Planeten, Pflanzen, Tiere von der Nothwendigkeit ihrer Natur,
von ihrer Wahrheit nicht abweichen können und werden,
was sie sein sollen.
Aber in der menschlichen Freiheit ist Seyn und Sollen getrennt,
sie trägt die Willkür in sich, und sie kann sich von ihrer Nothwendigkeit, von ihrem Gesetze absondern und ihrer Bestimmung entgegenarbeiten.
Wenn also die Erkenntnis wohl die Nothwendigkeit des religiösen Standpunktes einsähe, wenn der Wille an der Wirklichkeit die Nichtigkeit seiner Absonderung erführe, so hindert das alles nicht, daß er nicht auf seinem Eigensinn beharren und sich von seiner Nothwendigkeit und Wahrheit entfernt halten könnte.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Philosophie der Religion. In: G.W.F. Hegel Werke in 20 Bänden Suhrkamp Verlag 1970, Band 16. S. 14

Viertens. Indem hierbei vorausgesetzt wird, daß diese Idee allgemeines Bewußtseyn, allgemeine Religion hat werden müssen, so liegt darin eine Quelle einer eigentümlichen Idee für das besondere Bewußtseyn.
Die neue Religion hat die intelligible Welt der Philosophie zur Welt des gemeinen Bewußtseyns gemacht;
Tertullian sagt, jetzt wissen die Kinder von Gott, was die größten Weisen des Altertums nur gewußt haben.
Diese Idee behält und erhält die Gestalt für das vorstellende Bewußtseyn,
in Form des äußerlichen Bewußtseyns
- nicht die Form des nur allgemeinen Gedankens, das wäre sonst eine Philosophie der christlichen Religion; und dies ist der Standpunkt der Philosophie -,
die Idee in der Form des Denkens, nicht wie die Idee für das Subjekt ist,
an dieses gerichtet ist. Wodurch diese Idee als Religion ist,
das gehört in die Geschichte der Religion, d. h. ihre Entwicklung, ihre Form; das müssen wir auf der Seite liegen lassen.
Nur ein Beispiel ist jedoch hier anzugeben.
Die sogenannte Lehre von der Erbsünde enthält dies, daß unsere ersten Eltern gesündigt haben, dies Böseseyn sei als eine erbliche Krankheit zu allen Menschen hindurchgedrungen und sei auf die Nachkommen äußerlicherweise gekommen als etwas Angeerbtes, Angeborenes,
das nicht zur Freiheit des Geistes gehört, nicht seinen Grund darin hat;
durch diese Erbsünde, heißt es weiter, habe der Mensch den Zorn Gottes auf sich gezogen.

a) Wenn sich nun an diese Formen gehalten wird, so sind darin enthalten zunächst die ersten Eltern der Zeit nach, nicht dem Gedanken nach;
der Gedanke von diesen Ersten ist nichts anderes als der Mensch an und für sich.
Was von ihm als solchem gesagt wird, was allgemein jeder Mensch an ihm selbst ist, dies ist hier in der Form des ersten Menschen, Adam;
und bei diesem ersten Menschen zeigt sich die Sünde auch als etwas Zufälliges, vollends daß er sich habe verführen lassen, vom Apfel zu essen. Aber es ist dies gar nicht bloß vorgestellt, als habe er von der Frucht nur gegessen, sondern es ist der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen;
als Mensch muß er davon essen, sonst ist er kein Mensch, sondern ein Tier.
Der Grundcharakter, wodurch er sich vom Tier unterscheidet, ist,
daß er weiß, was Gut und Böses ist; so sagt denn auch Gott:
"Siehe, Adam ist worden wie unsereiner, er weiß, was gut und böse ist."
[1.Mose 3.22  >]
Dadurch, daß der Mensch erkennt, daß er ein Denkendes ist,
kann er nur den Unterschied von gut und böse machen;
im Denken liegt allein die Quelle des Bösen und Guten:
es liegt im Denken aber auch die Heilung des Bösen, was durch das Denken angerichtet ist.

Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie

                                                                                            > Bibelzitate


 Die Glückseligkeit

§ 479

In dieser durch das reflektierende Denken hervorgebrachten Vorstellung einer allgemeinen Befriedigung sind die Triebe nach ihrer Besonderheit als negativ gesetzt und sollen teils einer dem andern zum Behufe jenes Zwecks, teils direkt  demselben ganz oder zum Teil aufgeopfert werden.
Ihre Begrenzung durch einander ist einerseits eine Vermischung von qualitativer und quantitativer Bestimmung; andererseits,
da die Glückseligkeit den affirmativen Inhalt allein in den Trieben hat,
liegt in ihnen die Entscheidung, und es ist das subjektive Gefühl und Belieben, was den Ausschlag geben muß, worein es die Glückseligkeit setze.

§ 480

Die Glückseligkeit ist die nur vorgestellte, abstrakte Allgemeinheit des Inhalts, welche nur sein soll. Die Wahrheit aber der besonderen Bestimmtheit,
welche ebensosehr ist als aufgehoben ist, und der abstrakten Einzelheit,
der Willkür,
welche sich in der Glückseligkeit ebensosehr einen Zweck gibt als nicht gibt,
ist die allgemeine Bestimmtheit des Willens an ihm selbst, d. i. sein Selbstbestimmen selbst, die Freiheit.
Die Willkür ist auf diese Weise der Wille nur als die reine Subjektivität, welche dadurch rein und konkret zugleich ist,
daß sie zu ihrem Inhalt und Zweck nur jene unendliche Bestimmtheit, die Freiheit selbst, hat. In dieser Wahrheit seiner Selbstbestimmung, worin Begriff und Gegenstand identisch ist, ist der Wille wirklich freier Wille.

 Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse /  Die Glückseligkeit

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Die Glückseligkeit  >>>

“..., so ist die gründlichere, tiefere Teilnahme einsamer mit sich und stiller nach außen; die Eitelkeit und Oberflächlichkeit ist schnell fertig und treibt sich zum baldigen Dreinsprechen; der Ernst aber um eine in sich große und nur durch die lange und schwere Arbeit vollendeter Entwicklung sich genügende Sache versenkt sich lange in stiller Beschäftigung in dieselbe....”

(Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse /
Vorwort zur dritten Ausgabe [1830])

>>>   Kontext


 Vorlesungen über die Ästhetik                    II. Die Handlung

“Der Bestimmtheit als solcher kommt als idealer die freundliche Unschuld engelgleicher himmlischer Seligkeit, die tatlose Ruhe,
die Hoheit selbständig auf sich beruhender Macht wie die Tüchtigkeit
und Beschlossenheit überhaupt des in sich selbst Substantiellen zu... ...

Selbst die ewigen Götter des Polytheismus leben nicht in ewigem Frieden.
Sie gehen zu Parteiungen und Kämpfen mit entgegenstrebenden Leidenschaften und Zwecken fort und müssen sich dem Schicksal unterwerfen.
Selbst der christliche Gott ist dem Übergange zur Erniedrigung des Leidens,
ja zur Schmach des Todes nicht entnommen und wird von dem Seelenschmerze nicht befreit, in welchem er rufen muß:
 "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?";
seine Mutter leidet die ähnliche herbe Pein,
und das menschliche Leben überhaupt ist ein Leben des Streits,
der Kämpfe und Schmerzen.
Denn die Größe und Kraft mißt sich wahrhaft erst an der Größe und Kraft des Gegensatzes,
aus welchem der Geist sich zur Einheit in sich wieder zusammenbringt;
die Intensität und Tiefe der Subjektivität tut sich um so mehr hervor,
je unendlicher und ungeheurer die Umstände auseinandergezogen
und je zerreißender die Widersprüche sind,
unter denen sie dennoch fest in sich selber zu bleiben hat.
In dieser Entfaltung allein bewährt sich die Macht der Idee und des Idealen, denn Macht besteht nur darin,
sich im Negativen seiner zu erhalten.

HEGEL:  Vorlesungen über die Ästhetik  >>>


“ - Wie aber dagegen die Negation in der Substanz ist,
dies ist schon gesagt,
und das systematische Fortschreiten im Philosophieren besteht eigentlich in nichts als darin, zu wissen, was man selbst schon gesagt hat;
- die Substanz soll nämlich sein das Aufgebobenseyn des Endlichen,
damit sagt man,
daß sie ist die Negation der Negation,
da dem Endlichen nur die Negation zugeteilt ist;
als Negation der Negation ist die Substanz hiermit
die absolute Affirmation
und ebenso unmittelbar Freiheit und Selbstbestimmung. - “

(Heidelberger Schriften
Zwei Aufsätze aus den Heidelbergischen Jahrbüchern der Literatur (1817)/1.[Über] Friedrich Heinrich Jacobis Werke/Dritter Band)



Bei dem Gedanken über die Sache, reflektierend, bin ich subjektiv,
habe meine Gedanken darüber; die Sache denkend, den Gedanken derselben denkend,
ist die Beziehung meiner als Besonderes gegen die Sache weggenommen,
und ich verhalte mich objektiv;
ich habe darin Verzicht getan auf mich als Diesen nach seiner Partikularität und bin Allgemeines; dies und denken,
daß das Allgemeine mein Gegenstand ist, ist dasselbe;
ich tue hier actualiter, realiter Verzicht auf mich.
Das Wirken und Leben in der Objektivität ist das wahrhafte Bekenntnis der Endlichkeit,
die reale Demut.”           >>>


"Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit
– ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben. Mit dem was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt habe, und zwar zunächst in der Form, daß die Orientalen nur gewußt haben, daß Einer frei, die griechische und römische Welt aber, daß einige frei sind, daß wir aber wissen, alle Menschen an sich, das heißt der Mensch als Mensch sei frei, ist auch zugleich die Einteilung der Weltgeschichte."

Georg Wilhelm Friedrich Hegel:
Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte
(1837)
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosophie der Geschichte, Stuttgart 1961.   (Einleitung)         KONTEXT   >>>


"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Kreuz/Psalm/ Jesus   >>>

A. Der subjektive Begriff

a. Der Begriff als solcher                                   § 163

Der Begriff als solcher enthält die Momente der Allgemeinheit, als freier Gleichheit mit sich selbst in ihrer Bestimmtheit,
- der Besonderheit, der Bestimmtheit,
in welcher das Allgemeine ungetrübt sich selbst gleich bleibt, und der Einzelheit, als der Reflexion-in-sich der Bestimmtheiten der Allgemeinheit und Besonderheit, welche negative Einheit mit sich das an und für sich Bestimmte und zugleich mit sich Identische oder Allgemeine ist.

Das Einzelne ist dasselbe, was das Wirkliche ist, nur daß jenes aus dem Begriffe hervorgegangen, somit als Allgemeines, als die negative Identität mit sich gesetzt ist.
Das Wirkliche, weil es nur erst an sich oder unmittelbar die Einheit des Wesens und der Existenz ist, kann es wirken;
die Einzelheit des Begriffes aber ist schlechthin das Wirkende, und zwar auch nicht mehr wie die Ursache mit dem Scheine,
ein Anderes zu wirken, sondern das Wirkende seiner selbst. - Die Einzelheit ist aber nicht in dem Sinne nur unmittelbarer Einzelheit zu nehmen, nach der wir von einzelnen Dingen, Menschen sprechen; diese Bestimmtheit der Einzelheit kommt erst beim Urteile vor. Jedes Moment des Begriffs ist selbst der ganze Begriff (§ 160), aber die Einzelheit, das Subjekt, ist der als Totalität gesetzte Begriff.

Zusatz 1.
Wenn vom Begriff gesprochen wird,
so ist es gewöhnlich nur die abstrakte Allgemeinheit,
welche man dabei vor Augen hat, und der Begriff pflegt dann auch wohl [als] eine allgemeine Vorstellung definiert zu werden. Man spricht demgemäß vom Begriff der Farbe, der Pflanze,
des Tieres usw., und diese Begriffe sollen dadurch entstehen, daß bei Hinweglassung des Besonderen, wodurch sich die verschiedenen Farben, Pflanzen, Tiere usw. voneinander unterscheiden, das denselben Gemeinschaftliche festgehalten werde.
Dies ist die Weise, wie der Verstand den Begriff auffaßt,
und das Gefühl hat recht, wenn es solche Begriffe für hohl und leer, für bloße Schemen und Schatten erklärt.
Nun aber ist das Allgemeine des Begriffs nicht bloß ein Gemeinschaftliches, welchem gegenüber das Besondere seinen Bestand für sich hat, sondern vielmehr das sich selbst Besondernde (Spezifizierende) und in seinem Anderen in ungetrübter Klarheit bei sich selbst Bleibende.
Es ist von der größten Wichtigkeit sowohl für das Erkennen als auch für unser praktisches Verhalten, daß das bloß Gemeinschaftliche nicht mit dem wahrhaft Allgemeinen,
dem Universellen, verwechselt wird.
Alle Vorwürfe, welche gegen das Denken überhaupt und dann näher das philosophische Denken vom Standpunkt des Gefühls aus erhoben zu werden pflegen, und die so oft wiederholte Behauptung von der Gefährlichkeit des angeblich zu weit getriebenen Denkens haben ihren Grund in jener Verwechslung. Das Allgemeine in seiner wahren und umfassenden Bedeutung ist übrigens ein Gedanke, von welchem gesagt werden muß, daß es Jahrtausende gekostet hat, bevor derselbe in das Bewußtsein der Menschen getreten, und welcher erst durch das Christentum zu seiner vollen Anerkennung gelangt ist.
Die sonst so hochgebildeten Griechen haben weder Gott in seiner wahren Allgemeinheit gewußt noch auch den Menschen. Die Götter der Griechen waren nur die besonderen Mächte des Geistes, und der allgemeine Gott, der Gott der Nationen,
war für die Athener noch der verborgene Gott.
So bestand denn auch für die Griechen zwischen ihnen selbst und den Barbaren eine absolute Kluft, und der Mensch als solcher war noch nicht anerkannt in seinem unendlichen Werte und seiner unendlichen Berechtigung.
Man hat wohl die Frage aufgeworfen, worin der Grund davon liege, daß in dem modernen Europa die Sklaverei verschwunden sei, und dann bald diesen bald jenen besonderen Umstand zur Erklärung dieser Erscheinung angeführt.
Der wahrhafte Grund, weshalb es im christlichen Europa keine Sklaven mehr gibt, ist in nichts anderem als im Prinzipe des Christentums selbst zu suchen. Die christliche Religion ist die Religion der absoluten Freiheit, und nur für den Christen gilt der Mensch als solcher, in seiner Unendlichkeit und Allgemeinheit. Was dem Sklaven fehlt, das ist die Anerkennung seiner Persönlichkeit; das Prinzip der Persönlichkeit aber ist die Allgemeinheit.
Der Herr betrachtet den Sklaven nicht als Person, sondern als selbstlose Sache, und der Sklave gilt nicht selbst als Ich, sondern der Herr ist sein Ich. - Der vorher erwähnte Unterschied zwischen dem bloß Gemeinschaftlichen und dem wahrhaft Allgemeinen findet sich in Rousseaus bekanntem Contract social auf eine treffende Weise dadurch ausgesprochen,
daß darin gesagt wird, die Gesetze eines Staats müßten aus dem allgemeinen Willen (der volonté générale) hervorgehen, brauchten aber deshalb gar nicht der Wille aller
(volonté de tous) zu sein.
Rousseau würde in Beziehung auf die Theorie des Staats Gründlicheres geleistet haben, wenn er diesen Unterschied immer vor Augen behalten hätte.
Der allgemeine Wille ist der Begriff des Willens, und die Gesetze sind die in diesem Begriff begründeten besonderen Bestimmungen des Willens.

Zusatz 2.
 Hinsichtlich der in der Verstandeslogik üblichen Erörterung über die Entstehung und Bildung der Begriffe ist noch zu bemerken, daß wir die Begriffe gar nicht bilden und daß der Begriff überhaupt gar nicht als etwas Entstandenes zu betrachten ist.
Allerdings ist der Begriff nicht bloß das Sein oder das Unmittelbare, sondern es gehört zu demselben auch die Vermittlung; diese liegt aber in ihm selbst, und der Begriff ist das durch sich und mit sich selbst Vermittelte.
Es ist verkehrt, anzunehmen, erst seien die Gegenstände, welche den Inhalt unserer Vorstellungen bilden,
und dann hinterdrein komme unsere subjektive Tätigkeit,
welche durch die vorher erwähnte Operation des Abstrahierens und des Zusammenfassens des den Gegenständen Gemeinschaftlichen die Begriffe derselben bilde.
Der Begriff ist vielmehr das wahrhaft Erste, und die Dinge sind das, was sie sind, durch die Tätigkeit des ihnen innewohnenden und in ihnen sich offenbarenden Begriffs.
In unserem religiösen Bewußtsein kommt dies so vor,
daß wir sagen, Gott habe die Welt aus Nichts erschaffen oder, anders ausgedrückt, die Welt und die endlichen Dinge seien aus der Fülle der göttlichen Gedanken und der göttlichen Ratschlüsse hervorgegangen.
Damit ist anerkannt, daß der Gedanke und näher der Begriff die unendliche Form oder die freie, schöpferische Tätigkeit ist, welche nicht eines außerhalb ihrer vorhandenen Stoffs bedarf, um sich zu realisieren. ...

Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse

 

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Hegel

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Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie / ...

I. Begriff und Bestimmung der Geschichte der Philosophie

Es bieten sich hier gleich die gewöhnlichen oberflächlichen Vorstellungen über diese Geschichte dar, welche zu erwähnen und zu berichtigen sind. Geschichte schließt nämlich beim ersten Anschein sogleich dies ein, daß sie zufällige Ereignisse der Zeiten, der Völker und Individuen zu erzählen [habe]
- zufällig teils ihrer Zeitfolge, teils aber ihrem Inhalte nach. Von der Zufälligkeit in Ansehung der Zeitfolge ist nachher zu sprechen. Den Begriff, mit dem wir es zuerst zu tun haben wollen1) ,
geht die Zufälligkeit des Inhalts an. Der Inhalt aber, den die Philosophie hat, sind nicht Handlungen und äußerliche Begebenheiten der Leidenschaften und des Glücks, sondern es sind Gedanken.
Zufällige Gedanken aber sind nichts anderes als Meinungen, und philosophische Meinungen heißen Meinungen über den näher bestimmten Inhalt und die eigentümlicheren Gegenstände der Philosophie,
über Gott, die Natur, den Geist.

Somit stoßen wir denn sogleich auf die sehr gewöhnliche Ansicht von der Geschichte der Philosophie,
daß sie nämlich den Vorrat von philosophischen Meinungen herzuerzählen
habe, wie sie sich in der Zeit ergeben und dargestellt haben. Wenn glimpflich gesprochen wird,
so heißt man diesen Stoff Meinungen; die es mit gründlicherem Urteile ausdrücken zu können glauben, nennen diese Geschichte eine Gallerie der Narrheiten sogar, oder wenigstens der Verirrungen des sich ins Denken und in die bloßen Begriffe vertiefenden Menschen.
Man kann solche Ansicht nicht nur von solchen hören, die ihre Unwissenheit in Philosophie bekennen
- sie bekennen sie, denn diese Unwissenheit soll nach der gemeinen Vorstellung nicht hinderlich sein,
ein Urteil darüber zu fällen, was an der Philosophie [sei]; im Gegenteil hält sich jeder für sicher,
über ihren Wert und Wesen doch urteilen zu können, ohne etwas von ihr zu verstehen -,
sondern sogar von solchen, welche selbst Geschichte der Philosophie schreiben und geschrieben haben. Diese Geschichte, so als eine Hererzählung von vielerlei Meinungen, wird auf diese Weise eine Sache einer müßigen Neugierde oder, wenn man will, ein Interesse der Gelehrsamkeit;
denn die Gelehrsamkeit [besteht] vornehmlich darin, eine Menge unnützer Sachen zu wissen, d. i. solcher, die sonst keinen Gehalt und kein Interesse in ihnen selbst haben als dies, die Kenntnis derselben zu haben.
Jedoch meint man zugleich, einen Nutzen davon zu haben, auch verschiedene Meinungen und Gedanken anderer kennenzulernen; es bewege die Denkkraft, führe auch auf manchen guten Gedanken,
d. i. es veranlasse etwa auch wieder, eine Meinung zu haben2) , und die Wissenschaft bestehe darin,
daß sich so Meinungen aus Meinungen fortspinnen.

Nach einer andern Seite hängt aber mit jener Vorstellung eine andere Folge zusammen,
die man daraus zieht.
Nämlich beim Anblick von so mannigfaltigen Meinungen, von so vielerlei philosophischen Systemen gerät man in das Gedränge, zu welchem man sich halten solle; man sieht, über die großen Materien,
zu denen sich der Mensch hingezogen fühlt und deren Erkenntnis die Philosophie gewähren wolle,
haben sich die größten Geister geirrt, weil sie von andern widerlegt worden sind.
Da dieses so großen Geistern widerfahren ist, wie [soll] ego homuncio da entscheiden wollen?
Diese Folge, die aus der Verschiedenheit der philosophischen Systeme gezogen wird,
ist, wie man meint, der Schaden in der Sache, zugleich ist sie aber auch ein subjektiver Nutzen;
denn diese Verschiedenheit ist die gewöhnliche Ausrede für die,
welche sich das Ansehen geben wollen, sie interessieren [sich] für die Philosophie, dafür,
daß sie bei diesem angeblichen guten Willen, ja bei zugegebener Notwendigkeit der Bemühung um diese Wissenschaft, doch in der Tat sie gänzlich vernachlässigen.
Aber diese Verschiedenheit der philosophischen Systeme ist weit entfernt,
sich für eine bloße Ausrede zu nehmen; sie gilt vielmehr für einen ernsthaften, wahrhaften Grund,
teils gegen den Ernst,
den das Philosophieren aus seiner Beschäftigung macht, als eine Rechtfertigung, sich nicht mit ihr zu befassen, und als eine selbst unwiderlegbare Instanz über die Vergeblichkeit des Versuchs,
die philosophische Erkenntnis der Wahrheit erreichen zu wollen.
Wenn aber auch zugegeben wird, die Philosophie soll eine wirkliche Wissenschaft sein, und eine Philosophie werde wohl die wahre sein, so entstehe die Frage:
aber welche? woran soll man sie erkennen? Jede versichere, sie sei die wahre; jede selbst gebe andere Zeichen und Kriterien an, woran man die Wahrheit erkennen solle; ein nüchternes, besonnenes Denken müsse daher Anstand nehmen, sich zu entscheiden.
[Über] diese sehr geläufigen Ansichten, die Ihnen, meine Herren, ohne Zweifel auch bekannt sind - denn es sind in der Tat die nächsten Reflexionen, die bei dem ersten bloßen Gedanken einer Geschichte der Philosophie durch den Kopf  laufen können -, will ich kurz das Nötige äußern, und die Erklärung über die Verschiedenheit der Philosophie wird uns dann weiter in die Sache selbst hineinführen.

Was fürs erste dies betrifft, daß die Geschichte der Philosophie eine Gallerie von Meinungen
- obzwar über Gott, über das Wesen der natürlichen und geistigen Dinge - aufstelle,
so würde sie, wenn sie dies nur täte, eine sehr überflüssige und langweilige Wissenschaft sein,
- man möge auch noch so vielen Nutzen, den man von solcher Gedankenbewegung und Gelehrsamkeit ziehen solle, herbeibringen.
Was kann unnützer sein, als eine Reihe bloßer Meinungen kennenzulernen, was langweiliger? Schriftstellerische Werke, welche Geschichten der Philosophie in dem Sinne sind,
daß sie die Ideen der Philosophie in der Weise von Meinungen aufführen und behandeln,
braucht man nur leicht anzusehen, um zu finden, wie dürr, langweilig und ohne Interesse das Alles ist.
Eine Meinung ist eine subjektive Vorstellung, ein beliebiger Gedanke, eine Einbildung,
die ich so oder so und ein anderer anders haben kann.
Eine Meinung ist mein; sie [ist] nicht ein in sich allgemeiner, an und für sich seiender Gedanke.
Die Philosophie aber enthält keine Meinungen; es gibt keine philosophischen Meinungen.
Man hört einem Menschen, und wenn es auch selbst ein Geschichtsschreiber der Philosophie wäre,
sogleich den Mangel der ersten Bildung an, wenn er von philosophischen Meinungen spricht.
Die Philosophie ist objektive Wissenschaft der Wahrheit, Wissenschaft ihrer Notwendigkeit,
begreifendes Erkennen, kein Meinen und kein Ausspinnen von Meinungen.
Fürs andere aber ist es allerdings genug gegründete Tatsache,
daß es verschiedene Philosophien gibt und gegeben hat.
Die Wahrheit aber ist Eine; dieses unüberwindliche Gefühl oder Glauben hat der Instinkt der Vernunft. Also kann auch nur eine Philosophie die wahre sein.
Und weil sie so verschieden sind, so müssen, schließt man, die übrigen nur Irrtümer sein.
Aber jene eine zu sein, versichert, begründet, beweist eine [jede] von sich.
Dies ist ein gewöhnliches  Räsonnement und eine richtig scheinende Einsicht des nüchternen Denkens.
Was nun die Nüchternheit des Denkens, dieses Schlagwort betrifft,
so wissen wir von der Nüchternheit aus der täglichen Erfahrung, daß, wenn wir nüchtern sind, wir zugleich damit oder gleich darauf  hungrig fühlen.
Jenes nüchterne Denken aber hat das Talent und Geschick, aus seiner Nüchternheit nicht zum Hunger, zum Verlangen überzugehen, sondern in sich satt zu sein und zu bleiben.
Damit verrät sich dieses Denken, das jene Sprache spricht, daß es toter Verstand ist,
denn nur das Tote ist nüchtern und ist und bleibt dabei zugleich satt.
Die physische Lebendigkeit aber wie die Lebendigkeit des Geistes bleibt in der Nüchternheit nicht
befriedigt, sondern ist Trieb, geht über in den Hunger und Durst nach Wahrheit, nach Erkenntnis derselben, dringt nach Befriedigung dieses Triebs und läßt sich nicht mit solchen Reflexionen, wie jene ist, abspeisen und ersättigen.
Was aber näher über diese Reflexion zu [sagen] ist, wäre schon zunächst, daß, so verschieden die Philosophien wären, sie doch dies Gemeinschaftliche hätten, Philosophie zu sein.
Wer also irgendeine Philosophie studierte oder innehätte, wenn es anders eine Philosophie ist,
hätte damit doch Philosophie inne.
Jenes Ausreden und Räsonnement, das sich an die bloße Verschiedenheit festhält und aus Ekel oder Bangigkeit vor [oder] um der Besonderheit willen,
in der ein Allgemeines wirklich ist, nicht diese Allgemeinheit ergreifen oder anerkennen will, habe ich anderswo3) mit einem (pedantischen) Kranken verglichen, dem der Arzt Obst zu essen anrät und dem [man] Kirschen oder Pflaumen oder Trauben vorsetzt, der aber in einer Pedanterie des Verstandes nicht zugreift, weil keine dieser Früchte Obst sei, sondern Kirschen oder Pflaumen oder Trauben.4)  
Aber es kommt wesentlich darauf [an], noch eine tiefere Einsicht darein zu haben, was es mit dieser Verschiedenheit der philosophischen Systeme für eine Bewandtnis habe; die philosophische Erkenntnis dessen, was Wahrheit und Philosophie ist, läßt diese Verschiedenheit selbst als solche noch in einem ganz anderen Sinn erkennen als nach dem abstrakten Gegensatze von Wahrheit und Irrtum.
Die Erläuterung hierüber wird uns die Bedeutung der ganzen Geschichte der Philosophie aufschließen.

Zum Behuf dieser Erläuterung ist es aber nötig, aus der Idee von der Natur der Wahrheit zu sprechen und eine Anzahl von Sätzen über dieselbe anzuführen, welche aber hier nicht bewiesen werden können.
Nur deutlich und verständlich lassen sie sich machen.
Die Überzeugung davon und die nähere Begründung läßt sich hier nicht bewirken, sondern die Absicht ist nur, Sie historisch bekannt damit zu machen; sie selbst für wahr und gegründet zu erkennen,
dies ist Sache der Philosophie.
Unter den also hier kurz vorauszuschickenden Begriffen ist der erste Satz, der vorhin schon angeführt ist, nämlich daß die Wahrheit nur Eine ist.
Dies, was formell unserem denkenden Bewußtsein überhaupt [angehört], ist im tieferen Sinne der Ausgangspunkt und das Ziel der Philosophie, diese eine Wahrheit zu erkennen, aber sie zugleich als die Quelle, aus der alles Andere, alle Gesetze der Natur, alle Erscheinungen des Lebens und Bewußtseins nur abfließen, von der sie nur Widerscheine sind,
- oder alle diese Gesetze und Erscheinungen auf anscheinend umgekehrtem Wege auf jene eine Quelle zurückzuführen, aber um sie aus ihr zu begreifen, d. i. ihre Ableitung daraus zu erkennen.

αa) Allein dieser Satz, daß die Wahrheit nur eine ist, ist selbst noch abstrakt und formell;
und das Wesentlichste ist vielmehr, zu erkennen,
daß die eine Wahrheit nicht ein nur einfacher abstrakter Gedanke oder Satz ist;
vielmehr ist sie ein in sich selbst Konkretes.
Es ist ein gewöhnliches Vorurteil, die philosophische Wissenschaft habe es nur mit Abstraktionen, 
leeren Allgemeinheiten zu tun;
die Anschauung, unser empirisches Selbstbewußtsein, unser Selbstgefühl,
das Gefühl des Lebens sei dagegen das in sich Konkrete, in sich Bestimmte, Reiche.
In der Tat steht die Philosophie im Gebiete des Gedankens;
sie hat es damit mit Allgemeinheiten zu tun; ihr Inhalt ist abstrakt,
aber nur der Form, dem Elemente nach;
in sich selbst ist aber die Idee wesentlich konkret,
die Einheit von unterschiedenen Bestimmungen.
Es ist hierin, daß sich die Vernunfterkenntnis von der bloßen Verstandeserkenntnis unterscheidet,
und es ist das Geschäft des Philosophierens gegen den Verstand, zu zeigen,
daß das Wahre,
die Idee nicht in leeren Allgemeinheiten besteht, sondern in einem Allgemeinen, das in sich selbst das Besondere, das Bestimmte ist.
Das, was ich hier gesagt, gehört nun wesentlich zu dem,
von dem ich zuerst gesagt habe, daß es von denjenigen, die durch das Studium der Philosophie noch nicht mit ihr vertraut sind, zunächst bloß historisch aufgenommen werden muß.
Daß die Wahrheit nur eine ist, daß die philosophisch erkannte Wahrheit im Elemente des Gedankens,
in der Form der Allgemeinheit ist, dahin folgt schon der Instinkt des Denkens;
es ist dies unserem gewöhnlichen Vorstellen geläufig.
Aber daß das Allgemeine selbst in sich seine Bestimmung enthalte,
daß die Idee in ihr selbst die absolute Einheit Unterschiedener ist
- hier fängt ein eigentlich philosophischer Satz an;
hier tritt darum das noch nicht philosophisch erkennende Bewußtsein zurück und sagt,
es verstehe dies nicht. Es verstehe dies nicht, heißt zunächst: es finde dies noch nicht unter seinen gewöhnlichen Vorstellungen und Überzeugungen.5)
Was die Überzeugung betrifft, so ist schon bemerkt worden, daß diese zu bewirken, jene Bestimmung zu erweisen, das Bewußtsein zu dieser Erkenntnis zu bilden hier nicht der Ort ist.
Aber zu verstehen, es in die Vorstellung aufzufassen, ist es leicht.
Rot ist z. B. eine abstrakte sinnliche Vorstellung, und wenn das gewöhnliche Bewußtsein vom Roten spricht, meint es nicht, daß es mit Abstraktem zu tun habe; aber eine Rose, die rot ist, ist ein konkretes Rot, sie ist eine Einheit von Blättern, von Gestalt, von Farbe, von Geruch, ein Lebendiges, Treibendes,
an dem sich vielerlei so Abstraktes unterscheiden und isolieren, das sich auch zerstören, zerreißen läßt,
und das doch in der Mannigfaltigkeit, die es enthält, ein Subjekt, eine Idee ist.
So ist die reine abstrakte Idee in sich selbst nicht ein Abstraktum, leere Einfachheit, wie Rot,
sondern eine Blume, ein in sich Konkretes.
Oder ein Beispiel von einer Denkbestimmung genommen,
so ist z. B. der Satz: A ist A, der Satz der Identität, eine ganz abstrakte Einfachheit, ein reines Abstraktum als solches, A ist A, gar keine Bestimmung, Unterschied, Besonderung; alle Bestimmung, Inhalt muß ihm von außen kommen; es ist leere Form.
Gehe ich hingegen zur Verstandesbestimmung von Grund fort, so ist diese schon eine in sich konkrete Bestimmung. Grund, die Gründe, das Wesentliche der Dinge ist nämlich ebenso das mit sich Identische, Insichseiende, aber Grund zugleich so bestimmt, daß er ein Aussichherausgehendes ist,
zu einem von ihm Begründeten sich verhält.
Im einfachen Begriff liegt daher nicht nur diese[s], was der Grund ist, sondern auch das Andere,
was durch ihn begründet ist, in Ursache auch Wirkung. Etwas, das Grund sein sollte,
ohne ein Begründetes genommen, ist kein Grund; so etwas, das als Ursache bestimmt sein soll,
ohne seine Wirkung, ist nur eine Sache überhaupt, nicht eine Ursache.
Ebenso ist es mit der Wirkung. So etwas ist also das Konkrete, was nicht nur seine eine,
unmittelbare Bestimmung, sondern auch seine andere in sich enthält.

β) Nachdem ich auf diese Weise die Natur des Konkreten überhaupt erläutert, so setze ich über seine Bedeutung nun hinzu, daß das Wahre, so in sich selbst bestimmt, den Trieb hat, sich zu entwickeln.
Nur das Lebendige, das Geistige bewegt, rührt sich in sich, entwickelt sich.
Die Idee ist so, konkret an sich und sich entwickelnd, ein organisches System, eine Totalität,
welche einen Reichtum von Stufen und Momenten in sich enthält.

γ?) Die Philosophie ist nun für sich das Erkennen dieser Entwicklung und ist als begreifendes Denken selbst diese denkende Entwicklung.
Je weiter diese Entwicklung gediehen, desto vollkommner ist die Philosophie.

Ferner geht diese Entwicklung nicht nach außen als in die Äußerlichkeit,
sondern das Auseinandergehen der Entwicklung ist ebenso ein Gehen nach Innen; d. i. die allgemeine Idee bleibt zugrunde liegen und bleibt das Allumfassende und Unveränderliche.

Indem das Hinausgehen der philosophischen Idee in ihrer Entwicklung nicht eine Veränderung,
ein Werden zu einem Anderen, sondern ebenso ein Insichhineingehen, ein Sichin[sich]vertiefen ist,
so macht das Fortschreiten die vorher allgemeine unbestimmtere Idee in sich bestimmter.6)
Weitere Entwicklung der Idee oder ihre größere Bestimmtheit ist ein und dasselbe.
Hier ist das Extensivste auch das Intensivste. Die Extension als Entwicklung ist nicht eine Zerstreuung und Auseinanderfallen, sondern ebenso ein Zusammenhalt, der eben um so kräftiger und intensiver, als die Ausdehnung, das Zusammengehaltene reicher und weiter ist.

Dies sind die abstrakten Sätze über die Natur der Idee und ihre Entwicklung.
So ist die gebildete Philosophie in ihr selbst beschaffen.
Es ist eine Idee im Ganzen und in allen ihren Gliedern, wie in einem lebendigen Individuum ein Leben,
ein Puls durch alle Glieder schlägt.
Alle in ihr hervortretenden Teile und die Systematisation derselben geht aus der einen Idee hervor;
alle diese Besonderungen sind nur Spiegel und Abbilder dieser einen Lebendigkeit; sie haben ihre Wirklichkeit nur in dieser Einheit, und ihre Unterschiede, ihre verschiedenen Bestimmtheiten zusammen sind selbst nur der Ausdruck und die in der Idee enthaltene Form.
So ist die Idee der Mittelpunkt, der zugleich die Peripherie ist, der Lichtquell, der in allen seinen Expansionen nicht außer sich kommt, sondern gegenwärtig und immanent in sich bleibt;
so ist sie das System der Notwendigkeit und ihrer eigenen Notwendigkeit, die damit ebenso ihre Freiheit ist.

So ist die Philosophie System in der Entwicklung;  so ist es auch die Geschichte der Philosophie,
und dies ist der Hauptpunkt, der Grundbegriff,
den diese Abhandlung dieser Geschichte darstellen wird.
Um dies zu erläutern, muß zuerst der Unterschied in Ansehung der Weise der Erscheinung bemerklich gemacht werden, der stattfinden kann.
Das Hervorgehen der unterschiedenen Stufen im Fortschreiten des Gedankens kann nämlich mit dem Bewußtsein der Notwendigkeit, nach der sich jede folgende ableitet und nach der nur diese Bestimmung und Gestalt hervortreten kann,
- oder es kann ohne dies Bewußtsein, nach Weise eines natürlichen, zufällig scheinenden Hervorgehens geschehen, so daß innerlich der Begriff7) zwar nach seiner Konsequenz wirkt, aber diese Konsequenz nicht ausgedrückt ist, wie in der Natur in der Stufe der Entwicklung (des Stammes) der Zweige, der Blätter, Blüte, Frucht jedes für sich hervorgeht, aber die innere Idee das Leitende und Bestimmende dieser Aufeinanderfolge ist, oder wie im Kinde nacheinander die körperlichen Vermögen und vornehmlich die geistigen Tätigkeiten zur Erscheinung kommen, einfach und unbefangen,
so daß die Eltern, die das erste Mal eine solche Erfahrung machen, wie ein Wunder vor sich sehen,
wo das alles herkommt, von innen für sich da und jetzt sich zeigt, und die ganze Folge dieser Erscheinungen nur die Gestalt der Aufeinanderfolge in der Zeit .

Die eine Weise dieses Hervorgehens, die Ableitung der Gestaltungen, die gedachte, erkannte Notwendigkeit der Bestimmungen darzustellen, ist die Aufgabe und das Geschäft der Philosophie selbst; und indem es die reine Idee ist, auf die es hier ankommt, noch nicht die weiter besondere Gestaltung derselben als Natur und als Geist, so ist jene Darstellung vornehmlich die Aufgabe und Geschäft der logischen Philosophie.
Die andere Weise aber, daß die unterschiedenen Stufen und Entwicklungsmomente in der Zeit,
in der Weise des Geschehens und an diesen besonderen Orten, unter diesem oder jenem Volke,
unter diesen politischen Umständen und unter diesen Verwicklungen mit denselben hervortreten, kurz:
unter dieser empirischen Form, dies ist das Schauspiel, welches uns die Geschichte der Philosophie zeigt.
Diese Ansicht ist es, welche die einzig würdige für diese Wissenschaft ist; sie ist in sich durch den Begriff der Sache die wahre; und daß sie der Wirklichkeit nach ebenso sich zeigt und bewährt, dies wird sich [durch] das Studium dieser Geschichte selbst ergeben.
Nach dieser Idee behaupte ich nun, daß die Aufeinanderfolge der Systeme der Philosophie in der Geschichte dieselbe ist als die Aufeinanderfolge in der logischen Ableitung der Begriffsbestimmungen der Idee.
Ich behaupte, daß, wenn man die Grundbegriffe der in der Geschichte der Philosophie erschienenen Systeme rein, dessen entkleidet, was ihre äußerliche Gestaltung, ihre Anwendung auf das Besondere und dergleichen betrifft, so erhält man die verschiedenen Stufen der Bestimmung der Idee selbst in ihrem logischen Begriffe.
Umgekehrt, den logischen Fortgang für sich genommen, so hat man darin nach seinen Hauptmomenten den Fortgang der geschichtlichen Erscheinungen;
aber man muß freilich diese reinen Begriffe in dem zu erkennen wissen, was die geschichtliche Gestalt enthält. Ferner unterscheidet sich allerdings auch nach einer Seite die Folge als Zeitfolge der Geschichte von der Folge in der Ordnung der Begriffe.
Wo diese Seite liegt, dies näher zu zeigen, würde uns aber von unserem Zwecke zu weit abführen.
Ich bemerke nur noch dies, daß aus dem Gesagten erhellt, daß das Studium der Geschichte der Philosophie Studium der Philosophie selbst ist, wie es denn nicht anders sein kann.
Wer Geschichte der Physik, Mathematik usf. studiert, macht sich damit ja auch mit der Physik, Mathematik usf. selbst bekannt. Aber um in der empirischen Gestalt und Erscheinung, in der die Philosophie geschichtlich auftritt, ihren Fortgang als Entwicklung der Idee zu erkennen,
muß man freilich die Erkenntnis der Idee schon mitbringen, so gut als man zur Beurteilung der menschlichen Handlungen die Begriffe von dem, was recht und gehörig ist, mitbringen muß.
Sonst, wie wir dies in so vielen Geschichten der Philosophie sehen, bietet sich dem ideenlosen Auge freilich nur ein unordentlicher Haufen von Meinungen dar.
Diese Idee Ihnen nachzuweisen, die Erscheinungen sonach zu erklären, dies ist das Geschäft dessen,
der die Geschichte der Philosophie vorträgt.
Weil der Beobachter den Begriff der Sache schon mitbringen muß, um ihn in ihrer Erscheinung zu sehen und den Gegenstand wahrhaft auslegen zu können,
so dürfen wir uns nicht wundern, wenn es so manche schale Geschichte der Philosophie gibt,
wenn in ihnen die Reihe der philosophischen Systeme als eine Reihe von bloßen Meinungen, Irrtümern, Gedankenspielen vorgestellt wird - Gedankenspielen, die zwar mit großem Aufwand von Scharfsinn, Anstrengung des Geistes und was man alles über das Formelle derselben für Komplimente sagt, ausgeheckt worden seien. Bei dem Mangel des philosophischen Geistes, den solche Geschichtsschreiber mitbringen, wie sollten sie das, was vernünftiges Denken ist, auffassen und darstellen können?

Aus dem, was über die formelle Natur der Idee angegeben worden ist8) , daß nur eine Geschichte der Philosophie, als ein solches System der Entwicklung der Idee aufgefaßt, den Namen einer Wissenschaft verdient, :  eine Sammlung von Kenntnissen macht keine Wissenschaft aus.
Nur so, als durch die Vernunft begründete Folge der Erscheinungen, welche selbst das, was die Vernunft ist, zu ihrem Inhalte haben und es enthüllen, zeigt sich diese Geschichte selbst [als] etwas Vernünftiges,
sie zeigt, daß sie eine vernünftige Begebenheit.
Wie sollte das alles, was in Angelegenheiten der Vernunft geschehen ist, nicht selbst vernünftig sein?
Es muß schon vernünftiger Glaube sein, daß nicht der Zufall in den menschlichen Dingen herrscht; und es ist eben Sache der Philosophie, zu erkennen, daß, sosehr ihre eigene Erscheinung Geschichte ist, sie nur durch die Idee bestimmt ist.

Betrachten wir nun die vorausgeschickten allgemeinen Begriffe in näherer Anwendung auf die Geschichte der Philosophie - einer Anwendung, welche uns die bedeutendsten Gesichtspunkte dieser Geschichte vor Augen bringen wird.

9 Die unmittelbarste Frage, welche über sie gemacht werden kann, betrifft jenen Unterschied der Erscheinung der Idee selbst, welcher soeben gemacht worden ist, die Frage, wie es kommt,
daß die Philosophie als eine Entwicklung in der Zeit erscheint und eine Geschichte hat.
Die Beantwortung dieser Frage greift in die Metaphysik der Zeit ein; und es würde eine Abschweifung von dem Zweck, der hier unser Gegenstand ist, sein, wenn hier mehr als nur die Momente angegeben würden, auf die es bei der Beantwortung der aufgeworfenen Frage ankommt.

Es ist oben über das Wesen des Geistes angeführt worden, daß sein Sein seine Tat ist.
Die Natur ist, wie sie ist; und ihre Veränderungen sind deswegen nur Wiederholungen, ihre Bewegung nur ein Kreislauf. Näher ist seine Tat die, sich zu wissen.
Ich bin; unmittelbar aber bin ich so nur als lebendiger Organismus; als Geist bin ich nur, insofern ich mich weiß - ΓGνωι σsεeαaυτtόν, wisse dich, die Inschrift über dem Tempel des wissenden Gottes zu Delphi, ist das absolute Gebot, welches die Natur des Geistes ausdrückt.
Das Bewußtsein aber enthält wesentlich dieses, daß ich für mich, mir Gegenstand bin.
Mit diesem absoluten Urteil, der Unterscheidung meiner von mir selbst, macht sich der Geist zum Dasein, setzt sich als sich selbst äußerlich; er setzt sich in die Äußerlichkeit, welches eben die allgemeine, unterscheidende Weise der Existenz der Natur ist.
Die eine der Weisen der Äußerlichkeit aber ist die Zeit, welche Form sowohl in der Philosophie der Natur als des endlichen Geistes ihre nähere Erörterung zu erhalten hat.

Dies Dasein und damit In-der-Zeit-Sein ist ein Moment nicht nur des einzelnen Bewußtseins überhaupt, das als solches wesentlich endlich ist, sondern auch der Entwicklung der philosophischen Idee im Elemente des Denkens.
Denn die Idee, in ihrer Ruhe gedacht, ist wohl zeitlos; sie in ihrer Ruhe denken ist: sie in Gestalt der Unmittelbarkeit festhalten, ist gleichbedeutend mit der inneren Anschauung derselben.
Aber die Idee ist als konkret, als Einheit Unterschiedener, wie oben angeführt ist, wesentlich nicht Anschauung, sondern als Unterscheidung in sich und damit Entwicklung tritt sie in ihr selbst ins Dasein und in die Äußerlichkeit im Elemente des Denkens;
und so erscheint im Denken die reine Philosophie als eine in der Zeit fortschreitende Existenz.
Dies Element des Denkens selbst aber ist abstrakt, ist die Tätigkeit eines einzelnen Bewußtseins.
Der Geist aber ist nicht nur als einzelnes, endliches Bewußtsein, sondern als in sich allgemeiner, konkreter Geist.
Diese konkrete Allgemeinheit aber befaßt alle die entwickelten Weisen und Seiten, in denen er sich der Idee gemäß Gegenstand ist und wird.
So ist sein denkendes Sicherfassen zugleich die von der entwickelten, totalen Wirklichkeit erfüllte Fortschreitung, - eine Fortschreitung, die nicht das Denken eines Individuums durchläuft und sich in einem einzelnen Bewußtsein darstellt, sondern als in dem Reichtume seiner Gestaltung in der Weltgeschichte sich darstellende allgemeine Geist.
In dieser Entwicklung geschieht es daher, daß eine Form, eine Stufe der Idee in einem Volke zum Bewußtsein kommt, so daß dieses Volk und diese Zeit nur diese Form ausdrückt, innerhalb welcher es sich sein Universum ausbildet und seinen Zustand ausarbeitet, die höhere Stufe dagegen Jahrhunderte nachher in einem anderen Volk sich auftut.

 

 

Hegels Randbemerkungen:

1) [am Rand:] zufällige Handlungen

2) *[am Rand:] Meinungen - zu sich herabgezogen

                                                                              3)    >>>Enzyklopädie (1827), § 13 >>>

4) *[am Rand:] Noch nicht befriedigend - das Allgemeine aufweisen.

5) *[am Rand:] Jedoch brauchte ich mich nur aufs Gefühl zu berufen.
Leben, Geist, Wahrheit,  Göttliche sind diese Abstraktionen. Jeder  solche - obzwar einfache - Vorstellungen, Gedanken in sich erfüllt, eine Gediegenheit in sich,
einen Reichtum - ist er natürliche Fülle.
Aber näher dies durch einige Beispiele an eigentümlichen Vorstellungen und Gedanken zu erläutern suchen, was an Gefühlen;

6) *[am Rand:] Ist ein schwerer Punkt. Reduktion der Entwicklung, des Unterschiedenen zur Einfachheit, Bestimmtheit.

7) *[am Rand:] innerer Werkmeister

8) *[am Rand:] Nur darum gebe ich mich damit ab, halte Vorlesungen darüber.

9) *[am Rand:] Rechtfertigung

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